Über das Leben nach der Auszeit

Als ich früher darüber nachdachte eine Weltreise zu machen, war meine größte Sorge, danach nicht mehr in meinen Alltag zurückzufinden. Eigentlich paradox, denn ich träumte ja gerade von dieser Reise, um endlich einmal ausbrechen und das Leben in der weiten Welt frei und ungezwungen genießen zu können. Nur was würde danach kommen? Was wäre, wenn mich dieses Leben in Deutschland nach dieser Reise nicht mehr erfüllen würde und ich immer weiter reisen wollte? Oder wenn mir irgendwann das Geld ausgehen würde? Womit sollte ich welches verdienen und wie viel würde ich zukünftig zum Leben brauchen? Könnte ich mit dieser Unsicherheit leben? All diese Zweifel klingen in der Summe so mächtig, dass es schwer wird, sich mit gestählter Brust hinzustellen und seinen großen Traum auch wirklich umzusetzen.

Wenn man den Pessimismus einmal ausblendet, könnten auf dieser Weltreise rein theoretisch aber auch nur richtig gute Dinge passieren: Ich könnte mich selbst besser kennenlernen, Genuss würde vielleicht mehr als nur ein Wort darstellen und es bestünde die Möglichkeit zu lernen, dass das Leben es grundsätzlich gut mit mir meint. Eventuell könnte ich in diesem Jahr ohne Druck und Stress herausfinden, welcher Arbeit ich mit Leidenschaft und Hingabe nachgehen könnte, die auch noch Geld einbringt. Der Zufall könnte mich an einen Ort auf dieser Welt bringen, der mein Leben nachhaltig verändert. Und im allerbesten Fall könnte mir nach diesem unvergesslichen Jahr an den schönsten Plätzen der Welt auch noch ein Mann über den Weg laufen, der mir meine sorgsam gehüteten Zweifel nimmt, dass es einen passenden Menschen für mich überhaupt gibt.

In endloser Weite auf ganz andere Gedanken kommen
IN ENDLOSER WEITE AUF GANZ ANDERE GEDANKEN KOMMEN

Wenn man das alles nur vorher wüsste und durch die Glaskugel sehen könnte, was einen in diesem Jahr und danach in der Fremde erwartet, wäre die Entscheidung wahrscheinlich leichter. Obwohl unser Leben heute sicherer ist als je zuvor, möchten wir dennoch gerne wissen, was die Zukunft bringt. Es sollte jedenfalls nicht schlechter laufen als bisher – auch wenn es gerade vielleicht nur suboptimal läuft. Nur nehmen wir uns mit dem stoischen Weitermachen die Chance herauszufinden, ob da im Ungewissen nicht ein Leben auf uns wartet, dass viel besser zu uns passt als das jetzige. Die meisten schwimmen mit allen anderen im Strom und denken, dass das ja so schlecht nicht sein kann. Es könnte immerhin auch schlechter laufen…

Als ich einen obdachlosen Surfer auf Hawaii kennenlernte, der außer Freiheit rein gar nichts hatte, wurde mir klar, dass es selbst im Worst Case immer weiter geht. Ich würde – wenn wirklich alles schief gehen sollte – bestimmt irgendein Dach über dem Kopf finden und etwas zu essen ließe sich wahrscheinlich auch irgendwie auftreiben. Danach entschloss ich mich nicht nur direkt zu kündigen, sondern im Laufe von zehn Monaten komplett aus allem auszusteigen. Keine Wohnung mehr, keinen Job und mein letztes Hab und Gut nur in einem winzigen Lagerraum verstaut. Ich wusste, dass ich nicht mehr zurück wollte in dieses Leben, das sich genau genommen ziemlich stark an der Oberfläche abspielte. Und dann konnte es endlich losgehen: Weltreise!

Ein Camper = ein mobiles Heim - egal, wo man ist
MIT DEM CAMPER IN IRLAND. EIN MOBILES HEIM – EGAL, WO MAN IST

Ich begann meine Auszeit mit einem alten VW-Camper, der mir zukünftig im Falle eines Falles immer ein Bett zur Verfügung stellen würde. Danach folgten Reisen in die ferne Südsee, durch Südostasien, in die Karibik, nach Indochina und am Ende verbrachte ich fast zwei Monate auf einer kleinen Insel in Mexiko. Aus dem anfänglichen Drang, ständig weiterzukommen und viel erleben zu wollen, wurde am Ende ein sehr einfaches Leben, wenngleich an einem paradiesischen Fleckchen Erde. Die Eindrücke dieses einen Jahres auf Reisen haben viel verändert. Obwohl meine Auszeit auch nach inzwischen 16 Monaten nicht zu Ende ist, führe ich inzwischen ein völlig anderes Leben als früher. Hier ein paar Einsichten, die ich in der vergangenen Zeit gewonnen habe:

Wir leben eigentlich immer nur in der Zukunft

»Und wo geht es als nächstes hin?« ist eine der meist gestellten Fragen an mich. Ich kann mich gerade an einem wunderschönen Ort befinden und doch kreisen die Gedanken bereits darum, was als nächstes kommen wird. Das nächste Highlight. Die nächste Reise. Der Moment, in dem alles noch besser sein wird. Oder wo man endlich ankommt. Ohne Pläne kommen wir uns ziellos vor. Sie geben uns Sicherheit, denn sie schützen uns vor der gefürchteten Leere. Nichts zu tun sehen wir als vertane Zeit an. Wir glauben schließlich, dass es die besonderen Momente sind, die das Leben ausmachen und suchen ständig nach Akzenten. Genau genommen sind wir permanent auf der Flucht. Und die Zeit läuft immer schneller, je voller wir den Tag mit Terminen packen.

Erst, wenn man sich von allen äußeren Reizen und Einflüssen distanziert und eine Zeitlang einfach mal nur lebt, wird man feststellen, dass der Moment an sich zählt und es eigentlich nichts Schöneres gibt als nicht zu wissen, welcher Tag und welche Uhrzeit es gerade ist. Die Gedanken kreisen nicht mehr um Erfolg, Anerkennung und Ziele, sondern beschäftigen sich mit dem, was gerade um einen herum passiert. Man hat eigentlich nur noch positive Gedanken und dadurch wird das Leben gleich viel schöner. Glücksgefühle und Gelassenheit kommen ganz von selbst. Möglicherweise wird man nebenbei noch feststellen, dass man eigentlich keine Entspannungstechniken zum Runterkommen oder Erden mehr benötigt, weil man einfach schon von Grund auf völlig entspannt ist.

Island - in wundervoller Landschaft herausfinden, was wirklich zählt
ISLAND – IN WUNDERVOLLER LANDSCHAFT HERAUSFINDEN, WAS WIRKLICH ZÄHLT

Was heute ist, kann morgen schon ganz anders sein

Es gibt uns Sicherheit, alles, jeden und am Ende auch uns selbst einschätzen zu können. Wir lernen Menschen kennen und anhand unserer Erfahrungswerte neigen wir dazu, sie bzw. ihr Verhalten möglichst schnell in Schubladen zu stecken. Gleiches gilt für uns selbst. Wir haben uns ein Leben lang kennengelernt, Erfahrungswerte gesammelt, Entwicklungen durchgemacht und denken, dass wir uns perfekt kennen und einschätzen können. Wir möchten uns selbst vertrauen und das geht unserer Meinung nach nur, wenn wir uns möglichst konstant in unserem Denken und Handeln verhalten.

Nun ist man in der weiten Welt unterwegs und plötzlich gezwungen, sich neuen Situationen und Herausforderungen zu stellen. Immer wieder werden einem unbekannte Spiegel vorgesetzt, die das eigene Bild ins Wanken bringen. Und dann merke ich, dass ich in manchen Dingen ganz anders bin, als ich immer dachte, z. B.

  • Ich könnte mein ganzes Leben lang immer nur reisen.
  • Ich bin ein 100%-iger Stadtmensch.
  • Eigene vier Wände brauche ich nicht, wenn sonst alles stimmt.
  • Ich bin kein Familienmensch.
  • Alleine bin ich genauso glücklich wie in einer Beziehung.
  • Es geht auch ohne Hund.
  • Deutschland finde ich langweilig.

Erst, wenn man die andere Seite einer Medaille kennengelernt hat, kann man wissen, wie man zu einer Sache wirklich steht. Was ich früher gut fand, entwickelt sich durch eine neue Erfahrung vielleicht ganz anders. Wichtig ist nur, diese Veränderungen zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass neue Einsichten gut sind und uns in unserer persönlichen Entwicklung – unserem Lebensweg – weiterbringen. Genauso wie wir uns im Laufe der Jahre äußerlich verändern, findet unser Leben in Phasen statt und darüber sollte man sich freuen und nicht als etwas Schlechtes darstellen. Life is a journey – wir haben die große Freiheit, heute so und morgen so zu sein. Und wir müssen nicht immer große Pläne haben. Man kann sein Leben ruhig mal in die Hände des Schicksals legen und daran glauben, dass die Zukunft viel Gutes für uns bereit hält.

Man wird nie “fertig” mit sich sein

Wir leben in einer Zeit der Superlative: Wir möchten perfekt sein, wollen alles erleben, den Sinn des Lebens finden, maximalen Erfolg haben, den ultimativen Partner finden, vor anderen glänzen und bestenfalls so lange wie möglich eine sensationell supergeile Zeit erleben. In uns drin herrscht eigentlich permanent ein immenser Druck, diese Ziele zu erreichen, denn diese Suche ist anstrengend und macht es besonders für diejenigen schwierig, die in der Öffentlichkeit ihr High Life dauerhaft authentisch repräsentieren möchten.

Was wäre denn, wenn alles so perfekt und ultimativ wäre? Könnte ich mich überhaupt persönlich weiterentwickeln, wenn alles immer nur glatt liefe? Wäre ich dann glücklicher? Und was wäre, wenn ich endlich angekommen bin? Wie ginge es dann weiter? Wenn man sich all diese Dinge vergegenwärtigt, tritt Entspannung ein. Wir sind auf der Welt um zu lernen und das wird nicht an einem bestimmten Tag plötzlich aufhören. Also Druck rausnehmen, die Messlatte für das ultimative Leben einfach weglegen, für jeden Tag dankbar sein und versuchen, den einfachen Dingen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die oftmals viel schöner sein können als irgendein vermeintlich riesiges Highlight.

In Mexiko auf den Hund gekommen
IN MEXIKO AUF DEN HUND GEKOMMEN

Die Auszeit schafft Emotionen und neue Werte

Die meisten, die von einer Weltreise zurückkehren, haben mehr oder weniger Probleme, sich wieder in den Alltag in Deutschland oder in ihrer Heimat zu integrieren. (Ein schöner Artikel dazu aus dem Emotion Slow-Magazin: »Wo ist jetzt mein Zuhause?«) Es gibt so unglaublich viel zu verarbeiten. Wer weiß, wie sehr einen bereits 2-3 Wochen in einem fernen Land mental beeinflussen können, kann nachvollziehen, dass es nach einer einjährigen Weltreise das mindestens Zehnfache an Eindrücken zu verarbeiten gibt. Man hat ein Jahr lang ganz anders gelebt und sich dadurch verändert und das muss man selbst – und das Umfeld – erst einmal in diesem Ausmaß verstehen.

Bei mir schlagen seit meiner Rückkehr zwei Herzen in meiner Brust. Das eine würde am liebsten immer weiterreisen und an vielen Orten gleichzeitig sein, unentdeckte Landschaften erkunden, mit fremden Kulturen leben, soziale Projekte in Entwicklungsländern ins Leben rufen, über die großen Abenteuer schreiben und weiter nach dem perfekten Sonnenuntergang Ausschau halten. Das andere würde gerne ganz bodenständig irgendwo mit Freund, Hunden, Schafen, Hühnern und Esel idyllisch in der Natur leben, ein kleines Hotel eröffnen und Bücher schreiben. Beides sind Träume, die sich bestimmt in irgendeiner Form miteinander kombinieren lassen. Pläne schmiede ich mittlerweile nicht mehr. Es wird sich sicher ergeben.